Warst du schon einmal in der Schweiz bevor du wusstest, was für eine grosse Familie du hier hast?

Ich kann mich nicht erinnern wie alt ich war, als ich herausfand, dass ich Schweizer Wurzeln habe, aber ich war auf jeden Fall sehr stolz darauf. Das erste Mal kam ich im Jahre 1959 in die Schweiz, damals war ich etwa 24 Jahre alt. Ich flog nach Zürich, wo ich die Schwester meines Grossvaters (Jakob Boltshauser) besuchte. Ich kannte damals noch keine Boltshausers, denn Jakob’s Schwester und ihre Familie hiessen nicht mehr Boltshauser. Ich kann mich an ein Gespräch mit einem Cousin erinnern, der sagte, er würde schon immer so gerne einmal in die USA kommen. Leider hat es nie funktioniert und er begann sogar ein bisschen zu weinen, denn es war wirklich ein grosser Wunsch von ihm gewesen.

 

Wie hast du anfangs über dieses Land gedacht? Denkst du, es gibt grosse Unterschiede zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten?

Es gibt einige Unterschiede, aber es sind gute Unterschiede. Ich bin, wie die meisten Amerikaner, immer wieder beeindruckt davon, wie viele Sprachen ihr Schweizer sprecht. In Amerika sind wir sehr faul im Lernen von Sprachen. Kennt ihr den Sprachenwitz?

 

Wisst ihr, wie man jemanden nennt, der drei oder mehr Sprachen spricht? Man nennt ihn einen Polyglotten.

Wisst ihr auch, wie man jemanden nennt, der zwei Sprachen spricht? Das ist ein Zweisprachiger.

Und wie nennt man die Leute, die nur eine Sprache sprechen? Man nennt sie Amerikaner. (Lacht)

 

Wir Amerikaner scherzen gerne darüber, dass wir nur eine Sprache sprechen. Abgesehen davon sehe ich keine zu grossen Unterschiede. An den Versammlungen in der Schweiz habe ich immer das Gefühl, dass mir die Leute sehr ähnlich sind, nur dass sie eine andere Sprache sprechen.

 

Wann und warum wanderten die Boltshausers nach Amerika aus?

Mein Grossvater Jakob kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika. Soviel ich weiss, war sein Vater Schumacher und da die Familie nicht genug Geld für eine Ausbildung Jakobs hatte, ging er nach Amerika. Er war etwa 17 oder 18 Jahre alt, als er mit einem Onkel nach New York fuhr, welcher ihn ganz auf sich allein gestellt in der grossen Stadt zurückliess. Dann kam er nach Kalifornien, wahrscheinlich mit dem Zug. Damals dachte man, dass es in Kalifornien mehr Möglichkeiten gibt. Auch Jakob verdiente gutes Geld hier und heiratete schliesslich eine Schwedin. Zwei Mal kam er zurück in die Schweiz, per Zug und per Schiff. Ich habe bereits versucht herauszufinden, ob noch mehr Leute mit Namen Boltshauser zu dieser Zeit in die USA ausgewandert sind, doch ich konnte niemanden aufspüren. Jakob ist der einzige, von dem ich weiss.

 

Als du den Boltshauser Verein entdeckt hast, gab es noch kein Internet. Wie bist du mit dem Verein in Kontakt gekommen?

1985 machte mein Sohn einen Austausch an einem College in Oxford, England. Er reiste auch ein bisschen umher, also trafen Alicia und ich ihn in Zürich. Dem Manager unseres Hotels erzählten wir, dass wir auf der Suche nach meinen Schweizerischen Wurzeln sind. Als ich ihn fragte, ob er jemanden mit Namen Boltshauser kennt, verneinte er, erwähnte jedoch einen kleinen Ort, der so heissen könnte. Er gab mir ein Telefonbuch und tatsächlich fand ich darin den Ort Boltshausen. Der Manager erzählte, es sei etwa 50 Kilometer von Zürich entfernt, also fuhren wir dorthin und in der Region Weinfelden sahen wir plötzlich ein Schild, auf dem „Boltshausen“ stand. Wir waren sehr aufgeregt, als wir ins Dorf hinein fuhren. Wir sahen den Ottoberg und suchten nach einem Ort, an dem wir die Möglichkeit hätten, Leute kennen zu lernen. Wir betraten also ein Restaurant, und glücklicherweise sprach der Besitzer Englisch. Er zeigte uns die Umgebung und erzählte, dass sich die Familie Boltshauser alle paar Jahre in seinem Restaurant trifft. Nachdem wir gegangen waren, berichtete er den Boltshausers von uns und so kamen wir ins Spiel.

 

Ihr habt eure eigenen Boltshauser-Versammlungen in Kalifornien. Wie oft trefft ihr euch?

Wir hatten nie Versammlungen gehabt, bis ich 1988 aus der Schweiz zurückkam. Ich veranstaltete eine Versammlung bei mir zu Hause, da alle von meinem Besuch in Boltshausen hören wollten. Wir feierten ein grosses Fest und den Leuten gefiel das. Seither kommen wir alle vier bis fünf Jahre zusammen, meistens bei jemandem zu Hause. Diesen September hatten wir eine Versammlung in einem kleinen Ort in der Nähe von San Jose, Kalifornien. Wir treffen uns, wenn jemand Lust hat etwas zu organisieren oder wenn Besuch aus der Schweiz kommt.

 

Wie würdest du deine Beziehung zum Boltshauser Verein und zu deinen Schweizerischen Wurzeln beschreiben?

Die meisten Amerikaner sind sehr stolz auf ihre Herkunft, es gibt sogar Vereine, wie zum Beispiel „Swiss American Clubs“. Alicia und ich haben eure Versammlungen in der Schweiz immer gemocht. Wir freuen uns jedes Mal, zu kommen und wir schätzen es sehr, dass wir immer so nett empfangen wurden. Für uns Amerikaner ist das ein tolles Erlebnis. Wir haben grosses Glück, Verwandte in der Schweiz zu haben, und diese auch besuchen zu können, denn das kann nicht jeder. Wir sind auch sehr stolz darauf und erzählen den Leuten gerne von dieser schönen Verbindung. Wir freuen uns immer, euch zu sehen. Wir sind uns in vielen Dingen ähnlich, aber eben doch so unterschiedlich.

 

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